Die Wiederkehr des Tyrannenstaates
Was der Melier-Dialog über die Zukunft der amerikanisch-europäischen Beziehungen verrät
Eine große Militärmacht bedrängt einen kleinen Staat und begründet seine Forderung nach Unterwerfung mit dem Naturgesetz, wonach sich die Schwachen den Starken zu fügen haben. – Mit diesem Satz lässt sich der berühmte Melier-Dialog im zweieinhalb Jahrtausende alten Geschichtswerk über den Peloponnesischen Krieg von Thukydides zusammenfassen.
Genauso gut könnte dieser Satz jedoch auch den gegenwärtigen Konflikt zwischen den USA und Dänemark um den Besitz von Grönland beschreiben. In meiner Analyse dieses Konflikte habe ich bereits auf die Ähnlichkeit der USA unter Donald Trump mit dem Athen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts hingewiesen.
Um zu erahnen, wie die gegenwärtige US-Führung vermutlich denkt, braucht man nur diesen alten Text zu lesen. Man muss lediglich gedanklich „Amerika“ an die Stelle von „Athen“ und „Dänemark und Grönland“ an die Stelle von „Melos“ setzen.
Zusammenfassung des Melier-Dialogs
Im sechzehnten Kriegsjahr war der Tyrannenstadt Athen das Herrschen ins Blut übergegangen und die Unterwerfung kleinerer Städte zur Routine geworden. So landete im Sommer 416 ein attischer Flottenverband mit 38 Schiffen und über 3000 Kriegern an der kleinen Kykladeninsel Melos an, die sich bis dahin gegen einen Anschluss an den Attischen Seebund gewehrt hatte und neutral geblieben war. Die Ausgangslage war klar. Die Athener möchten die Insel in Besitz nehmen, nach Möglichkeit durch kampflose Unterwerfung der Polis, zur Not auch mit Gewalt. Das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Kontrahenten könnte ungleicher nicht sein: Auf der einen Seite steht die auf dem Höhepunkt ihrer Macht befindliche Großmacht Athen, auf der anderen die unbedeutende kleine Inselpolis Melos. Thukydides schildert im Melier-Dialog die Verhandlungen zwischen den Abgesandten beider Seiten in einer Form, die nach Raaflaub, „allen schmückenden Beiwerks entkleidet ist“ und „offenbar einzig den Zweck verfolgt, in der Reduktion auf das absolut Wesentliche die tiefsten und deshalb wahrsten Triebkräfte in solchen machtpolitischen Auseinandersetzungen aufzudecken“.1
Gleich zu Beginn der Verhandlungen proklamieren die Athener das Naturrecht des Stärkeren und weisen darauf hin, „dass Recht im menschlichen Verkehr nur bei gleichem Kräfteverhältnis zur Geltung kommt, die Stärkeren aber alles in ihrer Macht Stehende durchsetzen und die Schwachen sich fügen“.2 Den Meliern eröffnen sie daraufhin, dass ihre Unterwerfung zum Nutzen beider Seiten sei. Die Melier würden nicht vernichtet werden und die Athener selbst könnten sich die Mühen der Eroberung ersparen.3 Dem wollen die Melier jedoch nicht folgen. Ihren Gegenvorschlag, neutral zu bleiben und Freunde statt Feinde zu sein, weisen die Athener wiederum zurück, denn dies wäre ein Prestigeverlust für sie als Großmacht. Eine solche Freundschaft würden die unterworfenen Staaten als Beweis der Schwäche Athens ansehen, Hass hingegen gilt bei ihnen als Ausdruck der Stärke Athens. Nachdem die Athener die melische Neutralität als Prestigeverlust zurückgewiesen haben, sorgen sich die Melier um ihr eigenes Prestige im Fall einer Unterwerfung. Sie wenden ein, dass sie sich die Schande der Feigheit eintragen würden, wenn sie nicht alles unternähmen, um weiterhin frei zu sein. Darauf erwidern die Athener nur kühl, dass es doch keine Schande sei, sich einer so mächtigen Stadt wie Athen zu unterwerfen.4 Als die Melier zu bedenken geben, dass im Kriege das Glück oft gleichmäßiger verteilt ist, als es dem Kräfteunterschied der Gegner entspräche und sie daher noch hoffen können, im Kampf standzuhalten, warnen die Athener sie, nicht alles aufs Spiel zu setzen, was sie besitzen. Auch sollten sie nicht auf irrationale Faktoren wie Weissagung und Göttersprüche vertrauen.5 Für die rationalen Athener zählt allein der Nutzen und die Kalkulation von Machteinsatz, Ertrag und Risiko. Alexander Demandt sieht hier die sophistische Machtlehre im Denken der Athener, für die „religiös motivierte Ethik [...] ein veralteter Bewußtseinszustand [ist]“ und nur das „Naturgesetz des universellen Egoismus“ Beachtung verdiene.6 Dennoch wollen auch sie die Götter nicht ungnädig stimmen, nachdem die Melier vorbringen, darauf zu vertrauen, von diesen nicht verlassen zu werden. Ihre Machtpolitik erklären die Athener daher zu einem göttlichen Gesetz:
„Wir glauben nämlich, dass der Gott wahrscheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Natur überall dort, wo er die Macht hat, herrscht. Wir haben dieses Gesetz weder aufgestellt noch als Bestehendes zuerst befolgt, als gegeben haben wir es übernommen und werden es als ewig Gültiges hinterlassen; wir befolgen es in dem Bewusstsein, dass auch ihr oder andere, die dieselbe Macht wie wir errungen haben, nach demselben Grundsatz verfahren würden.“7
Die Macht ist für die Athener damit eine Göttergabe, sie selbst sind auswählt zu herrschen, die Unterwerfung der Schwächeren ist gottgewollt. Nach Ansicht von Nicolas Stockhammer haben die Athener damit die „Thukydideische Schwelle“ zur Korruption der Macht überschritten.8 Aus der bloßen Habgier (pleonexia) des Eroberers wurde Anmaßung (hybris), die maßlose Arroganz des Mächtigen. Auf die Hoffnung der Melier, dass ihnen die Lakadaimonier um ihrer Ehre willen zu Hilfe kommen, verweisen die Athener nur auf ihre Seeherrschaft und erwidern zynisch, dass die Melier „doch hoffentlich nichts von der in schmählichen und selbstverschuldeten Gefahren schon so oft den Menschen verderblichen ‚Ehre’ halten“.9 Hier spricht aus den Athenern die Pathologie des Krieges, die zu einer Umwertung aller Werte geführt hat und letztlich nichts weiter als reine, kalte Macht gelten lassen kann. Nachdem die Athener die Melier von ihrem Nutzen einer Unterwerfung nicht überzeugen konnten und diese weiterhin auf das Schicksal und die Lakedaimonier vertrauten, verwiesen die Athener wieder auf das Recht des Stärkeren und forderten zur Unterwerfung auf, „denn wer vor dem gleich Starken nicht zurückweicht, sich dem Mächtigeren gegenüber angemessen verhält und sich im Verkehr mit dem Schwächeren mäßigt, der fährt meistens am besten“.10 Da die Melier dieser Rationalität nicht folgen wollten und sich einer kampflosen Unterwerfung widersetzten, brachen die Athener die Verhandlung ab, belagerten Melos bis es sich im Winter 416/15 ergab. Darauf wurde die Stadt erbarmungslos vernichtet. Die Athener „töteten alle erwachsenen Männer, die sei ergreifen konnten, die Kinder und Frauen verkauften sie in die Sklaverei“.11 Mit der Eroberung und Vernichtung des inferioren Melos wurde die Tyrannis der Athener offensichtlich
Die USA als moderner Tyrannenstaat
Diese Episode über die Belagerung von Melos bei Thukydides findet heute wie eingangs beschrieben ihre Entsprechung im Umgang der USA mit Dänemark und Grönland. Die Betrachtung der Wandelung des antiken Athens zur Tyrannenstadt lässt uns besser verstehen, was die Wandlung der USA zu einem Tyrannenstaat bedeutet.
Das Amerika von Donald Trump verabschiedet sich zunehmend von der Rolle des „wohlwollenden Hegemons“, der eine regelbasierte Weltordnung (Pax Americana) anführt, in der auch kleine Staaten durch völkerrechtliche Verträge geschützt sind. – Freilich nicht alle Staaten, wie man ehrlicherweise anmerken muss.
Der Tyrannenstaat kennt keine Verbündeten, sondern nur Klienten und Vasallen. Die politische Logik von Donald Trump ist die moderne Ausgestaltung der athenischen pleonexia – der unersättlichen Gier nach mehr, koste es die Ordnung der Welt und auch ihren Frieden. Wenn Trump Grönland kaufen will und bei einer Absage diplomatische Brücken abbricht, wenn er die Anwendung militärischer Gewalt in Aussicht stellt, dann entspricht dies der Mentalität der Melos belagernden Athener: Eigenständigkeit oder Neutralität kleinerer Akteure werden als Beleidigung der Großmacht angesehen.
Wenn die USA unter Trump das Recht des Stärkeren zur einzigen Maxime erheben, zerstören sie das Vertrauenskapital, auf dem ihre globale Führung beruhte. Ein Tyrannenstaat herrscht durch Furcht, nicht durch Konsens. Das mag kurzfristig „rational“ sein, um Deals zu erzwingen. Langfristig aber provoziert es den Widerstand und die Suche nach Alternativen bei Freund und Feind gleichermaßen. Wer heute Melos vernichtet – oder Dänemark und Grönland demütigt –, der darf sich morgen nicht wundern, wenn er im Kampf gegen neue Rivalen alleine dasteht.
Doch die Geschichte endet hier nicht. Thukydides Beschreibung von Athen als einer Tyrannenstadt war kein Ausdruck der Bewunderung, sondern der Befund einer inneren Fäulnis. Nur wenige Jahre nach der Vernichtung von Melos scheiterte Athen verheerend bei seiner Sizilien-Expedition. Die Hybris des Mächtigen führt fast zwangsläufig zur moralischen und strategischen Überdehnung. Dann erfolgt die Nemesis, die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und Vergeltung, welche den Mächtigen in den Untergang führt.
Für die Europäer hält der Melier-Dialog eine Warnung bereit: Wer einem Tyrannenstaat gegenübertritt, ohne über ausreichende eigene Machtmittel zu verfügen, der muss sich bedingungslos unterwerfen oder das Schicksal der Melier erleiden. Zugleich gibt es für sie aber auch eine Hoffnung: Europa als Ganzes ist mit seinen materiellen und menschlichen Ressourcen kein kleines Melos, sondern vielmehr ein potenzielles Sparta. Freilich fehlt ihm gegenwärtig noch der Geist der Einigkeit und Wehrhaftigkeit, der Sparta einst beherrscht hat.
Kurt Raaflaub: Politisches Denken im Zeitalter Athens, in: Iring Fetscher u. Herfried Münkler (Hrsg.), Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 1, Zürich 1988, S. 330.
Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, übers. v. Helmuth Vretska u. Werner Rinner, Stuttgart 2004, 5,89,1, S. 452.
Thuk. 5,93,1, S. 453.
Thuk. 5,100,1-101,1, S. 454.
Thuk. 5,102,1-103,2, S. 454 f.
Alexander Demandt, Der Idealstaat, Köln, Weimar u. Wien 1993, S. 65.
Thuk. 5,105,2, S. 455 f.
Nicolas Stockhammer, Das Prinzip Macht, Baden-Baden 2009, S. 95.
Thuk. 5,104,1, S. 455 u. Thuk. 5,111,3, S. 457 f.
Thuk. 5,111,4, S. 458.
Thuk. 5,116,4, S. 460.



