Europas nächster Hegemon?
Was der wichtigste US-Think-Tank über Deutschlands Wiederaufrüstung denkt
In der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs (März/April 2026) erschien ein Artikel, der in Deutschland aufmerksam gelesen werden sollte. Unter dem Titel „Europe’s Next Hegemon: The Perils of German Power” analysiert die Politikwissenschaftlerin Liana Fix, wie Deutschlands militärische Wiederaufrüstung die europäische Ordnung destabilisieren könnte. Der Artikel ist mehr als eine akademische Meinungsäußerung. Er ist ein Dokument angelsächsischen geopolitischen Denkens — und ein Weckruf für jeden, der die Interessen Deutschlands im 21. Jahrhundert verstehen will.
Was Foreign Affairs schreibt
Fix zeichnet folgendes Bild: Deutschlands Verteidigungsausgaben sind auf dem Weg, sich bis 2029 auf 189 Milliarden Dollar zu verdreifachen. Damit rückt Deutschland auf Platz vier der weltweiten Militärausgaben vor — direkt hinter Russland. Die Zeitenwende, 2022 noch als leeres Versprechen belächelt, wird Realität. Vor 2030 werde Deutschland wieder eine militärische Großmacht sein.
Soweit die Fakten. Doch dann kommt die Warnung, und sie hat es in sich: Deutschlands Wiederaufrüstung sei eine Gefahr für Europa. Frankreich werde nervös, weil es seine Rolle als militärische Führungsmacht des Kontinents bedroht sehe. Polen fürchte, ein starkes Deutschland könne sich eines Tages wieder Russland annähern. Kleinere EU-Staaten sorgten sich vor deutscher Dominanz. Fix erinnert an die Eurokrise der 2010er Jahre, als Berlin den Schuldnerländern — allen voran Griechenland — brutale Sparmaßnahmen aufzwang und damit tiefe Ressentiments erzeugte. Ein solches Deutschland, nun auch noch militärisch dominant, könne den Kontinent spalten.
Besonders ausführlich warnt Fix vor der AfD. Ein AfD-geführtes Deutschland würde, so die Autorin, revanchistische Ansprüche auf ehemals deutsche Gebiete in Polen und Frankreich erheben, sich von der EU und der NATO lösen, die deutsch-französische Versöhnung aufkündigen und als „nationalistischer, militaristischer Hegemon” in Europa auftreten. Fix zieht sogar eine Parallele zu den aktuellen US-Ansprüchen auf Grönland und Kanada.
Die Lösung, die Fix vorschlägt, ist bezeichnend: Deutschland müsse sich „goldene Handschellen” anlegen lassen. Es müsse seine militärische Macht in europäische Strukturen einbetten, gemeinsame EU-Schulden für die Verteidigung akzeptieren, seine Rüstungsindustrie europäisieren und die Bundeswehr so tief in multinationale Kommandostrukturen integrieren, dass eine eigenständige deutsche Verteidigungspolitik praktisch unmöglich werde. Selbst eine AfD-Regierung solle es dann nicht mehr schaffen, die Bundeswehr aus diesen Bindungen herauszulösen.
Was dieser Artikel wirklich bedeutet
Um die Tragweite dieses Artikels richtig einzuordnen, muss man zunächst verstehen, was Foreign Affairs ist. Es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Fachzeitschrift. Foreign Affairs ist das Publikationsorgan des Council on Foreign Relations (CFR), des wohl einflussreichsten außenpolitischen Think-Tanks der Vereinigten Staaten. Seit seiner Gründung 1921 dient der CFR als intellektuelles Koordinationszentrum der amerikanischen Außenpolitik. Seine Mitglieder umfassen ehemalige und künftige Präsidenten, Außenminister, CIA-Direktoren, Generäle und die Spitzen der Wall Street. Was in Foreign Affairs publiziert wird, ist kein unverbindliches Meinungsstück — es ist ein Indikator dafür, wie das außenpolitische Establishment der USA denkt und welche Strategien es verfolgt. Wenn Foreign Affairs schreibt, Deutschland müsse eingehegt werden, dann ist das keine individuelle Meinung, sondern eine Empfehlung aus dem Maschinenraum der amerikanischen Macht.
Und diese Empfehlung steht in einer langen Tradition.
Die alte angelsächsische Strategie: Kein Hegemon auf dem Kontinent
Es gehört zu den Grundkonstanten der angelsächsischen Geopolitik — zunächst der britischen, dann der amerikanischen —, dass keine einzelne Macht den europäischen Kontinent dominieren darf. Dieses Prinzip lässt sich mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen und wurde von britischen Staatsmännern wie Lord Castlereagh, George Canning und Lord Palmerston zur operativen Doktrin erhoben. Die Methode war stets dieselbe: Balance of Power — die jeweils stärkste kontinentale Macht durch Koalitionsbildung mit den schwächeren Mächten einzudämmen.
Jahrhundertelang war das Hauptziel Frankreich. England unterstützte abwechselnd Spanien, die Niederlande, Österreich und Preußen, um die französische Hegemonie zu verhindern — von den Kriegen gegen Ludwig XIV. über die Koalitionskriege gegen Napoleon bis zum Wiener Kongress 1815.
Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 verschob sich das Kalkül. Deutschland war nun die stärkste Landmacht Europas — und damit die zu eindämmende Kraft. Die Entente Cordiale von 1904 zwischen Großbritannien und Frankreich, die Triple Entente mit Russland 1907, die Einkreisungspolitik vor dem Ersten Weltkrieg, die Kriegserklärung 1914, das Versailler Diktat 1919, die Kriegserklärung 1939, die Teilung Deutschlands 1945, die NATO-Integration der Bundeswehr, die Einbindung in die EU — all dies folgt derselben geopolitischen Logik: Deutschland darf nie stark genug werden, um den Kontinent eigenständig zu organisieren.
Die USA übernahmen dieses Prinzip nahtlos von den Briten. Der erste NATO-Generalsekretär Lord Ismay brachte es auf die berühmte Formel: Der Zweck der NATO sei es, „die Amerikaner drin, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten.” Und genau in dieser Tradition steht der Artikel von Liana Fix.
Die Absurdität der Argumentation
Man muss sich die Absurdität dieses Denkens vor Augen führen. Deutschland — ein Land ohne Atomwaffen, ohne biologische Waffen, ohne chemische Waffen, ohne ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat — wird als potenzielle Bedrohung für Europa dargestellt, weil es seine konventionellen Streitkräfte aufrüstet. Wohlgemerkt: auf ausdrücklichen Wunsch derselben angelsächsischen Mächte, die seit Jahren höhere deutsche Verteidigungsausgaben gefordert haben.
Deutschland soll aufrüsten, aber bitte nicht zu sehr. Es soll stark sein, aber seine Stärke sofort wieder in europäische Strukturen einbinden, die letztlich von außen kontrolliert werden können. Es soll Verantwortung übernehmen, aber keine eigene strategische Handlungsfähigkeit entwickeln. Es ist das alte Spiel: Der Kontinent soll verteidigt werden, aber die Kontrolle darüber, wie und gegen wen, soll nicht in Berlin liegen.
Fix argumentiert, ohne amerikanische Hegemonie würde das europäische „Sicherheitsdilemma” zurückkehren, das Deutschlands Größe und Lage traditionell geschaffen hätten. Damit gibt sie den entscheidenden Punkt zu, ohne seine Konsequenz auszusprechen: Die europäische Nachkriegsordnung war nie eine Ordnung unter Gleichen. Sie war eine amerikanische Ordnung, in der Deutschland die Rolle des wirtschaftlichen Riesen und politisch-militärischen Zwergs zugewiesen wurde. Wenn diese Ordnung nun erodiert — nicht zuletzt durch das Verhalten der USA selbst —, dann wird Deutschland nicht einfach in der Rolle des braven Juniorpartners verharren können.
Fazit: Zurück in der Geschichte
Der Artikel in Foreign Affairs ist ein Symptom. Er zeigt, dass wir uns in einer historischen Konstellation befinden, die an die Zeit vor 150 Jahren erinnert. Ein Deutschland, das wirtschaftlich stark ist und nun auch militärisch wieder Gewicht gewinnt, wird vom angelsächsischen Establishment automatisch als Bedrohung wahrgenommen — nicht weil es tatsächlich aggressiv handelt, sondern weil es durch seine bloße Existenz als potenzielle Hegemonialmacht auf dem Kontinent die Grundlagen der angelsächsischen Weltordnung infrage stellt.
Die „goldenen Handschellen”, die Fix vorschlägt, sind nichts anderes als die Fortschreibung einer Eindämmungspolitik mit freundlichem Gesicht. Deutschland soll so tief in multilaterale Strukturen eingebunden werden, dass es praktisch kein eigenständiger Akteur mehr sein kann. Die deutsche Souveränität wird als Gefahr dargestellt, europäische Integration als Lösung — wobei diese Integration in Wahrheit die Funktion hat, deutsche Macht zu neutralisieren.
Für Deutschland bedeutet das: Die Zeitenwende ist nicht nur eine militärische, sondern auch eine geopolitische Herausforderung. Wer aufrüstet, muss wissen, dass er damit nicht nur Russland abschreckt, sondern auch die Aufmerksamkeit jener auf sich zieht, die seit Jahrhunderten darauf achten, dass auf dem europäischen Kontinent kein ebenbürtiger Konkurrent entsteht. Die Frage ist nicht, ob Deutschland sich verteidigen soll. Die Frage ist, ob es die strategische Reife aufbringt, dies mit eigener Handlungsfähigkeit zu tun — oder ob es sich erneut in Strukturen einbinden lässt, die seine Macht domestizieren, während andere die ihrige frei entfalten.
Wir sind, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, wieder in der Geschichte angekommen.
Liana Fix: „Europe’s Next Hegemon: The Perils of German Power”, in: Foreign Affairs, März/April 2026, https://www.foreignaffairs.com/germany/europes-next-hegemon-liana-fix



